Lederalternativen

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Fachartikel in der Pro-Leder Ausgabe 2019-05 von der Lederzentrum GmbH, Rosdorf.

 

Fachartikel in der Pro-Leder Ausgabe 2019-05 - Sind Trama, Piñatex & Co. eine Gefahr für Leder?

Immer wieder tauchen Materialien auf, die kein Leder sind, aber wie Leder sein wollen oder sogar irreführend als „Leder“ bezeichnet werden. Dazu gehören Materialien wie Trama (Pilze) oder Piñatex (Ananas).

Alles Humbug? Wir hatten im Lederzentrum die Gelegenheit, uns Trama etwas näher anzuschauen. Zwei Jungunternehmer kündigten sich an und baten um Rat, wie man das Pilzmaterial Trama durch Bindemittel oberflächlich fixieren kann. Aufgrund von ersten Erfahrungen mit unseren Colourlock-Bindemittelprodukten wollten unsere Besucher erfahren, welchen Spielraum die Lederfarbenwelt für die Oberfläche von Trama bietet.


Was ist eigentlich Trama?

Trama, auch Muskin, Mushroom Leather oder Zunderschwammpilz genannt, ist das schwammige Untermaterial von einem Baumpilz. Trama hat eine rauhlederartige Oberfläche und ist sehr weich und samtig.


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Trama ist ein atmungsaktives Fasermaterial.

 

Was unterscheidet Trama von Leder?

Trama ist weich und wirkt sehr natürlich, aber hat keine mit Leder vergleichbare Faserstabilität. Trama ist nicht reißfest.


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Die Fasern sind nicht reißfest.

 

Mit wenig mechanischem Aufwand reißt Trama ein. Daher ist Trama auf eine Unterkaschierung angewiesen, die die Reißfestigkeit gewährleistet. Eine Technik, die auch bei Leder eingesetzt wird.


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Reißfestigkeit durch Kaschierung.

 

Trama hat noch einen weiteren Nachteil: Es ist äußerst wasserempfindlich. Offenporiges Leder ist auch wasserempfindlich. Wird Leder durch und durch nass, verkleben die Fasern beim Trocknen, und es wird steifer und muss wieder weicher gewalkt werden. Dazu verliert Rauhleder etwas Haptik und Optik, wenn es komplett nass geworden ist. Bei Trama sind die Konsequenzen schlimmer. Das Fasergefüge bricht durch Feuchtigkeit stark ein, und es dunkelt extrem ab. Der Schaden ist irreversibel.


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Feuchtigkeit dringt sofort ein.

 

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Nach der Trocknung deutlich gedunkelt.

 

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Einbrechen des Fasergefüges.

 

Um besseren Schutz zu gewährleisten, kann Trama imprägniert werden. Aber wie bei Rauhledern ist eine Imprägnierung nur ein Erstschutz und gegen Dauerregen nicht standhaft. Dazu nützt sich Trama durch mechanische Belastung schneller und stärker ab als Rauleder. Wie bei einer nappierten Fleischseite eines Fells kann auch auf Trama eine Bindemittelschicht aufgetragen werden.


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Nappiertes Trama.

 

Das war die Fragestellung unserer Besucher in der Lederwerkstatt. Durch eine Vorimprägnierung konnte auf das Trama ein Schutz gegen Feuchtigkeitsschäden durch wasserbasierende Binder aufgetragen werden. Wie bei einer Nappierung verliert das Material seine samtige Oberfläche, aber ein deutlich besserer Schutz wird erreicht. Dieses waren nur erste Versuche auf kleinen Flächen. Bis zu einer serienreifen Lösung muss noch viel in die Entwicklungsarbeit investiert werden. Ein weiterer Nachteil gegenüber Leder ist die Fläche der Stücke. Trama ist nur bis zu 30 Zentimeter groß.


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Trama-Stücke sind max. 30 Zentimeter groß.

 

Fazit für die Lederwelt?

Trama ist ein wunderschönes Material, aber die Ausgangsbasis ist deutlich schlechter als für vergleichbare Rauhleder. Leder ist robuster, unempfindlicher und hat in der Regel größere Flächen und kann ohne Kaschierung vernäht werden. Zum aktuellen Stand der Produktions- und Herstellungstechnik wird Trama ein Nischenprodukt bleiben, und es ist auch nicht absehbar, dass es ein ernstzunehmender Konkurrent für die Lederwelt werden könnte.


Was ist Piñatex?

Unsere Gäste brachten auch eine Musterkarte vom Piñatex mit, ein weiteres Material, welches im Rahmen von Lederalternativen häufiger erwähnt wird. Bei Piñatex wird aus den Fasern der Ananasblätter ein vliesartiges Fasergefüge gewonnen. Dieses Vlies wird mit Bindemitteln oder Folien beschichtet. Es entsteht ein grobes Narbenbild mit einer lederartigen Optik. Dass Fasern der Ananasblätter verwendet werden, ist eine interessante Verwertung, aber beschichtete Baumwollgewebe sind dem Material nicht unähnlich. Piñatex hat eine Eigenstabilität und eine gute Vermarktungsgeschichte, aber ob es das Potential hat, aus der Nische zu treten um ein ernsthafter Lederverdränger zu werden, ist noch nicht absehbar.


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Piñatex Musterkarte.

 

Schaut man sich im Internet um, gibt es noch weitere Naturprodukte, die als Lederalternativen bezeichnet werden.


Apfelleder – Weintraubenleder

Apfel- oder Trauben-Trester sind die Pressreste bei der Saftgewinnung. Diese werden getrocknet und zu Pulver gemahlen. Dieses Pulver wird mit Bindemitteln vermischt und auf eine textile Oberfläche aufgetragen. Letztendlich ist das Pulver dann ein Feststoffbestandteil einer Kunstlederoberfläche.


Eukalyptusleder

Ein weiteres Material wird aus Eukalyptusblätterfasern gewonnen. Es entsteht ein Gewebe mit 25% Eukalyptus-Gewebe und 74% „PVC-Compound“. Auch hier eine interessante Verwertung einer positiv belegten Pflanze, aber mit einem hohen Anteil eigentlich weniger gewünschten Substanzen.


Teakbaumblätter als Lederalternative

Auch Teakbaumblätter aus Thailand werden zur Erzeugung eines lederartigen Materials verwendet. Die Blätter werden getrocknet, gefärbt und „schadstofffrei veredelt“, um dann auf Baumwolle vernäht zu werden. Optisch erinnert die Oberflächenveredelung an eine Bindemittelschicht. Die Optik mit einer Blattstruktur ist schön. Informationen über die Materialstabilität sind nicht bekannt.


Kork als Lederalternative

Auch Kork aus Portugal wird für die Herstellung von Bekleidung verwendet. Dazu wird Kork verklebt und in ganz dünne Scheiben gespalten und auf ein Trägermaterial laminiert. Kork hat eine schöne Oberfläche, die aber auch empfindlich ist.


Beurteilung der Lederalternativen

Aus der Sicht der Lederwelt liest man auch zwischen den Zeilen der Lobeshymnen dieser Materialien. Viele Hersteller betonen, dass die Basismaterialien und die kombinierten Gewebe oder Bindemittel nachhaltig gewonnen würden und biologisch abbaubar seien. Es wird betont, dass weniger Wasser als bei der Baumwollproduktion benötigt würde und keine giftigen Chemikalien wie bei der Gerbung benötigt würden. Keines der Materialien wird für den Einsatzzweck Autopolster, Flugzeugpolster oder als Sohlenmaterial empfohlen. Ausnahmslos sind die Verwendungsarten im Fashionbereich. Bei manchen Materialien wird argumentiert, dass sie schneller als ein Rind wachsen würden und es daher ein besseres Material sei. Die Fleischgewinnung als Basis der Ledererzeugung wird nicht erwähnt. Bei den Empfindlichkeiten gibt es einige Parallelen zur Lederwelt. Es wird vor Jeansabfärbung auf die Materialien und vor dunklen Stellen im Hautkontaktbereich gewarnt.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass diese Alternativmaterialien eine Marktberechtigung in der Nische haben, aber aktuell keine ernsthafte Bedrohung für die Lederwelt sind. An die umfangreichen Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Leder reichen diese Materialien nicht annähernd. Bei Qualität, Stabilität und einfacher Verarbeitung für die anspruchsvolle Flächenverarbeitung hat Leder einen aktuell unaufholbaren Vorsprung. Die Materialbeschreibungen sind im Internet recherchiert und werden dort durchwegs positiv beurteilt. Eine kritische Betrachtung der Öko-Bilanz und Qualität der Materialien steht aus und würde vermutlich einige Angaben zu den Materialien relativieren. Im Gegensatz zu Leder benötigen fast alle Materialien ein stabilisierendes Trägermaterial.

Das alles sollte aber nicht Hauptaugenmerk im Kampf für gutes Leder sein. Die Hauptgegner von Leder sind auf Kunststoffen basierende Materialien. In diesem Kampf liegen die Argumente für Leder und gegen Kunstleder klar auf der Hand. Aber wie schon im Bericht in der PRO-LEDER 1/2019 „Hat Leder ein Imageproblem?“ beschrieben, ist der Kampf für Leder und gegen Kunstleder alles andere als einfach. Die in diesem Bericht auf Naturprodukten basierenden Materialien stecken noch mehr oder weniger in den Kinderschuhen, und nur wenige dieser Materialien werden je einen signifikanten Marktanteil erreichen. Interessant sind einige Parallelen zur Lederwelt. Ohne Kaschierungen und Bindemittelbeschichtungen kommen auch diese Materialien nicht aus, und wie bei Leder muss sich mit Bekleidungsabfärbungen und Schweißbeständigkeit rumgeschlagen werden.


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Kein Leder!

 

Es ist richtig und wichtig, die Bezeichnung als Leder in der Materialbeschreibung zu verbieten. Aber diese Materialien zu verteufeln, wäre nicht der richtige Weg. Unsere Besucher hatten neben Trama und Piñatex auch Lederprodukte im Programm und den Wunsch, der eigenen Kundschaft durch Biss und Durchhaltevermögen neue und schöne Materialien zu präsentieren. Das sind Grundwerte ehrenwerter Kaufleute, denen wir uns auch verbunden fühlen.


Weitere Informationen


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